Berührung


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Flaneuse von Mülheim 17. Alter Ich laufe zur Zeit oft durch den Wald. Tannen machen mich traurig und schwer. Immer. Die lassen sich so hängen und scheinen, als hätten sie den Schwermut dieser Welt in sich gepachtet. Und dann die besonders alte Eiche. Die sieht gar nicht so alt aus. Und es interessiert sie auch nicht. Auch die Pandemie lässt sie augenscheinlich unbeeindruckt. Toll, ich bin gerade in dem denkbar schlechtesten Alter und in der denkbar schlechtesten Situation für diese Pandemie, jammert etwas in mir. Ich will noch nicht gut gelaunt durch einen Wald laufen und mich an alten Eichen erfreuen. Dafür bin ich noch zu jung. Aber ich freu mich ein bisschen und frage mich, ob ich jetzt erwachsen bin. Eine Gruppe Seniorinnen kommt mir entgegen. Sie tragen FFP-2-Masken und Walkingstöcke. Ich schäme mich für die jammernde Stimme in mir, als sie mir mit ihren Augen zulächeln. Was wär denn ein gutes Alter für diese Pandemie? Säuglingsalter wahrscheinlich. Ich komme wieder an einer großen Tanne vorbei, die besonders schwermütig und fast depressiv aussieht. Sie löst in mir in etwa das gleiche Gefühl aus wie der Blick auf alte Hände. Einen Kloß im Hals, die Erinnerung an Vergänglichkeit. Ich höre meine Mutter noch sagen, an den Händen lässt sich das Alter nicht verbergen. Ich schaue meine Hände an. Die sind etwas knittrig von der Kälte. Zusammen mit der Tanne im Augenwinkel kann ich mich dann in die Sentimentalitätsbadewanne legen. Und meine Scham verfliegt nicht. Ich kann hier durch den Wald laufen, vielleicht in ein paar Wochen auch mit Multifunktionsweste und Wanderstöcken und mich weiter über die Tannen aufregen, die sich so hängen lassen. Im Grunde fehlt mir in diesem Moment doch nichts. #flaneusevonmülheim #alter #pandemie #vergänglichkeit #literatur #flanieren #november #hände #mülheimanderruhr #kulturnrw #theaterstadtgesellschaft

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